3. bis 5. November 2023 in Görlitz und Umgebung
„Eine Studienfahrt, die es nicht nur programmmäßig in sich hatte! Kleiner, aber äußerst sympathischer Kreis von Teilnehmerinnen. Nicht „Komm’se – Gehn’se“, frei nach dem Buch der Zeitzeugin des Stasi-Gefängnisses Siggi Grünewald, sondern: Immer gut vernetzt, straight den eigenen Weg gehen! Das war der O-Ton einer Teilnehmerin zu der diesjährigen Bildungsreise des ENP nach Görlitz und Bautzen.
Doch bevor wir soweit kamen, bestach die Polizei der Stadt Görlitz die Teilnehmerinnen mit einer geballten Ladung Kompetenz. Ein Besuch der Polizeidirektion Görlitz klärte uns über die östlichste PD in Deutschland auf. Als Kriminalitätshotspot bringt sie durch ihren Status als geteilte Stadt – Zgorzelec im Osten – besondere polizeiliche Herausforderungen mit sich: grenzüberschreitende Konflikte, Beschaffungskriminalität, polnische-deutsche Tätergruppen.

Bild: Besuch der Polizeidirektion Görlitz
Müssen die sächsischen Beamtinnen und Beamten im polnischen Teil der Stadt tätig werden, treffen sie erste hoheitliche Aufgaben und übergeben dann an die Kolleginnen und Kollegen. Die enge Vernetzung mit der Bundespolizei ist sehr wichtig. Auch die gemeinsame Streifentätigkeit mit Polen läuft nach Corona dank eines festen Ansprechpartners langsam wieder an.
Im Bereich der Nachwuchsgewinnung gibt es derzeit dieselben Herausforderungen wie in allen anderen Bundesländern mit der Besonderheit, dass man hier auch an polnischem und tschechischem Nachwuchs interessiert ist.
Das Revier Görlitz ist von der Größe her vergleichbar mit einer Polizeidirektion der Polizei Hessen. 80 Prozent der Kriminalität findet in der etwa 56 Tsd. Einwohner starken Stadt statt, den Rest teilt sich das Umland auf. Ein Besuch in einer Synagoge ist in einer Stadt wie Görlitz immer wichtig und unumgänglich. Eine jüdische Gemeinde konnte nach dem 2. Weltkrieg zwar nicht mehr Fuß fassen, doch wird die in der Reichsprogromnacht nur leicht beschädigte Synagoge nach ihrem Verfall und dem Wiederaufbau ab 1991 als Kulturzentrum und Museum genutzt.
Bild: Synagoge
Eine Führung „Görlitzer Kriminalfälle“ rundete den Tag in Görlitz ab. Wie ein roter Faden zog sich die Geschichte des Verbrechens und der Täter durch die Straßen und die Tatorte. Besonders auf dem Nikolaifriedhof lief uns bei nassem Wetter in der Abenddämmerung ein leichter Schauer über den Rücken, als wir an den Täter dachten, der in unmittelbarer Nähe dort sein 17jähriges Opfer verscharrt hatte.

Bild: Friedhof
Nach dem heimischen Abendmahl ließen wir es uns nicht nehmen – beflügelt durch die Führung – einen kurzen Ausflug per pedes in das Nachbarland Polen zu machen. Trotz Regen und Kälte war es aufregend, einfach so zu Fuß über die Altstadtbrücke plötzlich in einem anderen Land zu sein. Entlang der Neiße wieder zurück nach Deutschland, wo die Kollegen der Bundespolizei im Regen bei Grenzkontrollen eingesetzt waren.

Bild: Polen bei Nacht
Der zweite Tag war der Tag der Zeitreise:
Die historische Hauptstadt der Lausitz, die auch einige „Lausitzer Granitköppe“ beheimatet, begann für uns mit einer bedrückenden Reise in die 1980er, die Zeit des kalten Krieges.
In der Gedenkstätte in Bautzen nahm uns die Zeitzeugin Siggi Grünewald mit ihren bewegenden Berichten mit zurück in die Zeit, als sie selbst als politische Gefangene in der StaSi-Sonderhaftanstalt inhaftiert war. (hier Foto mit Zeitzeugin). Ihre Erlebnisse hielt sie in dem Buch „Komm’se – Gehn’se – in der Obhut der Stasi“ fest. Die Bedeutung von „komm’se – gehen’se“ erschließt sich aus den immer wiederkehrenden Anordnungen des Gefängnispersonals. Ein Probesitzen im Gefangenenhaftbus „Barkas“ in völliger Enge und Dunkelheit unterstrich ihre lebendigen Erzählungen.

Bild: Haftbus
In der historischen Altstadt trifft man sich am Reichenturm. Dort erwartete uns Hilde, das Waschweib von der Spree, die sich als Kollegin Petra Kirsch vom Vortag entpuppte.
In die unzähligen historischen Gegebenheiten flocht sie immer wieder Sprichwörter und ihre Bedeutungen ein. Zurückversetzt ins Mittelalter lernten wir, dass „Kurve kratzen“ tatsächlich aus der Zeit kam, als Kutschen manchmal die Hausecken streiften und die Hausbesitzer zum Schutz vor weiteren Beschädigungen Granitblöcke in den Ecken anbrachten. Den Ursprung der Redewendungen „Scherereien machen“, „ungefragt Senf hinzugeben“ und „schmutzige Wäsche waschen“ erläutern wir gerne auf Nachfrage.

Bild: Hilde das Waschweib
Das Brauhaus in Bautzen läutete den Abschluss der Reise ein, und neben einer Menge Informationen nahmen wir die Erinnerung an großartige Kolleginnen mit, die ENP in Zukunft noch leichter den Weg in Bundesländer ebnen, in denen wir noch nicht so viele Mitgliederinnen haben.
Einmal mehr wurde uns während dieser Studienreise klar, wofür ENP steht. Nämlich für Vernetzung von wunderbaren Frauen, die sich gegenseitig stärken und einander neue Impulse geben…
…und die Spritpreise am Abreisetag in Polen erwärmten bei schönstem Sonnenschein nicht nur unsere Geldbörsen, sondern auch unsere Herzen.

Text: Corina Gombel
Bilder: Corina Gombel
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